Geschichte der evangelischen Kirche Oberkirch

Der Protestantismus im Renchtal

Geschichte der Martin-Luther-Kirche in Oberkirch

1525 wird durch Vermittlung des Markgrafen zu Baden im Vertrag zu Renchen aufgeführt, „dass Gottes Wort lauter und unverdunkelt der Schrift gemäß verkündet werde“.
1604 verpfändet das Bistum Straßburg die Ämter Oberkirch und Oppenau an den (evangelischen) Herzog Friedrich von Württemberg. Die erste evangelische Predigt in Anwesenheit des Herzogs hält der Stadtpfarrer von Freudenstadt am ersten Weihnachtstag 1604 in der Schlosskirche zu Oberkirch.
1664 Oberkirch wird wieder an das Hochstift Straßburg gegeben und die evangelische Konfession unterdrückt.
1668/1697 Die Kapuziner gründen 1668 in Oppenau und 1697 in Oberkirch ein Kloster. Unter ihrem Wirken verschwindet die letzte Spur des evangelischen Bekenntnisses.
1801 Das Renchtal fällt an das badische evangelische Fürstenhaus. Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Zahl der Evangelischen auf 77 angestiegen, darunter 2 ganz evangelische Familien: die des Bezirksarztes Stegmann und des Löwenwirts Krieger.
1857 Großherzog Friedrich erteilt die Erlaubnis zur Einrichtung von öffentlichen evangelischen Gottesdiensten. Der erste Gottesdienst wurde am 26. 12. 1857 durch den Dekan Häußer aus Legelshurst gefeiert. Dafür wurde im oberen Stockwerk der Schrempp’schen Bierbrauerei für 55 Gulden jährlich ein Zimmer angemietet und ein Betsaal hergerichtet.
1862 Der Oberkirchenrat stellt einen eigenen Geistlichen in Oberkirch ein. Renchen wird dem Kirchbezirk Oberkirch zugeschlagen. Gottesdienste finden ab sofort in wöchentlichem Wechsel in Oberkirch und Renchen statt. Die Zahl der Gemeindemitglieder liegt bei 100, der Wunsch nach einer eigenen Kirche wird immer lauter und die Gemeindemitglieder bringen freiwillige Beiträge auf. Selbst die politische Gemeinde Oberkirch stiftet 300 Gulden zum Bau.
25. Juli 1866 Die evangelische Kirche Oberkirch wird feierlich eingeweiht auf dem Platz, an dem bis 1847 die Kapuzinerkirche gestanden hat. Auf Anregung des Löwenwirts Krieger stifteten katholische Einwohner von Oberkirch das Kruzifix hinter dem Altar, welches von dem Offenburger Bildhauer Bongard für 130 Gulden hergestellt wurde.
1872 Nachdem man sich 10 Jahre mit Mietwohnungen für den Pfarrer hat behelfen müssen, wird nun ein kleines Haus gekauft. Im Frühjahr 1879 ergibt sich die Gelegenheit zum Wiederverkauf und zum Ankauf eines an die evangelische Kirche angrenzenden Grundstücks – ebenfalls zum früheren Kapuzinergelände gehörend. Das neu erbaute Pfarrhaus wird im Jahr 1880 erstmals bezogen.
1928 Die Kirche erhält, nachdem man sich 60 Jahre mit einem Harmonium behelfen musste, eine Orgel.
1936 An die Kirche wird ein Chorraum und ein Turm angebaut. Das neue Geläut setzt sich aus drei Glocken zusammen. Die kleine Glocke, Taufglocke genannt, trägt die Inschrift „Sei getreu bis an den Tod“. Sie ist heute noch vorhanden. Die mittlere Glocke, Lutherglocke genannt, trägt die Inschrift „Ein feste Burg ist unser Gott“ und die große Glocke, auch Sterbe-Glocke genannt, trägt die Inschrift „Wir haben hier keine bleibende Statt“. Kirche und Glocken wurden am 29. März 1936 von Landesbischof Dr. Kühlewein unter Mitwirkung der Stadtkapelle eingeweiht.
1939 – 1945 Im 2. Weltkrieg werden die zwei großen Glocken eingeschmolzen und in den letzten Kriegstagen wurden Kirche und Pfarrhaus durch Granatenbeschuss schwer beschädigt.
1949 Die vom Kaufmann Gottlob Egelhaaf 1936 gestiftete kleine Glocke war im Turm verblieben. Im Mai konnten wieder zwei neue Glocken im Turm installiert werden. Sie tragen die Inschriften ihrer Vorgänger und wurden vom Kaufmann K. Ehrhardt und Frau Else Koehler gestiftet.
1969 Die Kirche wird erstmals renoviert: Die alte Kanzel wird abgebaut und durch einen Ambo ersetzt. Insbesondere die von Prof. Schreiter entworfenen modernen Kirchenfenster verleihen dem Kirchraum eine besondere Atmosphäre.
1971 Die neue Orgel wird in Dienst genommen.
2016 Die Kirchengemeinde feiert das 150-jährige Bestehen ihrer Kirche. Im gleichen Jahr wird die Innenrenovierung der Kirche in Angriff genommen, bei der die alte Decke wieder freigelegt wird, das Kirchenschiff einen neuen Boden erhält, die Orgel saniert wird und die Kirchenbänke durch Stühle ersetzt werden. Die Technik wird auf den aktuellen Stand gebracht und ein neuer Innenanstrich erfolgt. Das beim Einbau der neuen Orgel ausgebaute Rundfenster findet sich auf dem Dachboden wieder und wird restauriert an der Eingangswand montiert. Der 1969 angeschaffte Ambo mit den Holzbildern der vier Apostel wird ersetzt. Die Apostel finden einen neuen Platz im Gemeindehaus.
Am 1. Advent 2016 wird die Kirche in Anwesenheit des Landesbischofs von Baden Herrn Professor Jochen Cornelius-Bundschuh wiedereröffnet. Sie trägt ab diesen Zeitpunkt den Namen „Martin-Luther-Kirche“.

Die Schreiter-Fenster

Bis zur Renovierung der Kirche im Jahre 1968 waren die Fenster mit kleinen, rechteckigen, in Blei gefassten Klarglasscheiben versehen. Die einzigen farbigen Akzente befanden sich in den beiden vorderen Fenstern rechts und links vom Altarraum: Kleine Rundbilder mit den Portraits von Martin Luther und Gustav Adolf.
Mit der Neugestaltung beauftragte die Kirchengemeinde Johannes Schreiter in Langen/Hessen, Professor an der staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt/Main. Professor Schreiter erhielt vom Kirchengemeinderat keine Vorgaben für die künstlerische Gestaltung. Er wurde nur gebeten, die Fenster auf der Ostseite wegen der Morgensonne etwas dunkler zu gestalten. Seine vorgelegten Entwürfe wurden unverändert vom Kirchengemeinderat genehmigt und verwirklicht.
Die Fenster der evangelischen Kirche in Oberkirch sind Andachtsbilder, die zum Nachdenken bzw. Meditieren einladen und für ganz unterschiedliche Interpretationen offen sind. Die Grundmuster sind leicht erkennbar: Die braunen Balken, die sich durch alle Fenster ziehen, korrespondierten mit der Decke und der Empore, die vor der Renovierung  ebenfalls in Brauntönen gestrichen waren. Die Felder mit den parallelen Strichen erinnern an Jalousien. Dieses Motiv erschien in den 60er Jahren in etlichen Grafiken und Glasbildern von Professor Schreiter. Er bezeichnete diese Arbeiten als das „Stören von Parallelem“.
Die rundlichen Kompositionen in den Parallelfeldern beziehen sich auf die ureigene Handschrift von Professor Schreiter: Die Brandkollage. Er verarbeitete versengtes und verbranntes Papier zu abstrakten Bildern. Die daraus entstehenden Motive erscheinen vielfach im Gesamtwerk des Künstlers. Johannes Schreiter selbst gab damals folgende Erklärung: Die Felder mit den Parallelstrichen stehen für unser Leben. Wir hätten es am liebsten, wenn alles schön gleichmäßig verläuft. Dann gibt es die ganz großen Brandherde im Leben des Einzelnen und überall auf der Erde. Die „Decke“ sind die rechteckigen, dunkel-violetten Scheiben, diese haben an der Ostseite eine besondere Färbung, die es in der Glaskunst des Mittelalters gab und caput mortuum heißt.